Arbeit.Bildung.Chancen 4.0

Nachlese zur Podiumsdiskussion im ÖPWZ

Die Arbeitswelt verändert sich. Digitalisierung und Automatisierung sind keinesfalls neue Themen in Wirtschaft und Gesellschaft, derzeit aber gewinnt die Diskussion über die sogenannte Industrie 4.0 oder auch Vierte industrielle Revolution an Fahrt. Auf die Unternehmen kommt dabei einiges zu, sie müssen sich auf unterschiedlichen Ebenen damit befassen, wie sie zukunftsfähig bleiben können. Eine Podiumsdiskussion im ÖPWZ im Rahmen der „Tage der Bildung“ im Februar 2016 widmete sich einem besonders wichtigen Aspekt:

  • Welche Auswirkungen hat die Digitalisierung auf die Aus- und Weiterbildung?
  • Was erwarten sich Unternehmen künftig vom Bildungssystem?
  • Was erwartet die Jugend von ihrer beruflichen Zukunft?
  • Und: Wie bereiten wir uns alle gemeinsam darauf vor?

Mag. Barbara Halapier, Geschäftsführerin des ÖPWZ

Nach der Begrüßung durch Mag. Barbara Halapier, ÖPWZ, überließ Dipl.-Ing. Bernhard Löwenstein, Gründer und Leiter von IFIT – Institut zur Förderung des IT-Nachwuchses, Lektor an der TU Wien und Vortragender am FH Technikum Wien gleich seinem Begleiter Frank, einem kleinen Roboter mit menschlichen Zügen, das Wort. Franks Performance, ein launiger Dialog und ein Tänzchen, zeigte anschaulich, wie wir uns künftig die Zusammenarbeit von Mensch und Maschine vorzustellen haben. Die Roboter kommen aus ihren Boxen heraus und werden mitten unter uns ihre Arbeit verrichten, gesteuert von Sensoren, über Sprache und Gesten. Bernhard Löwenstein geht mit seinem elektronischen Partner in Kindergärten und lässt schon die Jüngsten damit spielen. Die Intention dahinter: Berührungsängste gegenüber Technik und IT gar nicht erst aufkommen zu lassen, aber auch, Barrieren im Bildungssystem abzubauen, die noch immer dazu führen, dass Kinder zu spät oder nicht zeitgemäß mit IT in Berührung kommen.
Wohin es führt, wenn Kinder und Jugendliche ihren Talenten, Begabungen und Interessen folgen dürfen, zeigte das Beispiel von Florentina Voboril. Die Schülerin am BG/BRG Mödling ist Teilnehmerin am Programm MINT (Mathematik, Informatik, Naturwisschenschaft, Technik) im Talentehaus NÖ, einer Einrichtung zur Förderung von (hoch-)begabten Kindern und Jugendlichen. Dort beschäftigt sie sich mit Roboterprogrammierung und Roboterkonstruktion. Florentinas Vision: ein eigenes Unternehmen, in dem sie ihre Arbeit nach ihren Vorstellungen gestalten kann. Julia Ramsmaier, BA, MA, Masterstudentin an der FH Wiener Neustadt, Campus Wieselburg, hat sich diesen Traum schon erfüllen können – gemeinsam mit anderen hat sie ein Start-up gegründet. Dieses wurde erfolgreich an ein anderes Unternehmen übergeben und sie und die anderen Mitglieder des Projektteams gehen nun eigene Wege, beispielsweise in Richtung Silicon Valley. Ihre Erfahrungen im Rahmen der Gründung: Wie funktioniert virtuelle Zusammenarbeit, reales Teamwork, unternehmerisches Denken, aber auch eine zeitgemäße Work-Life-Balance aus Arbeiten und Abschalten im buchstäblichen Sinn?
Kompetenzen, die auch Dr. Astin Malschinger, Leiterin Studiengang Produktmarketing und Innovationsmanagement und Leiterin der FH Wiener Neustadt, Campus Wieselburg, für sehr wichtig hält. Ihre Sicht auf die Anforderungen an das Bildungssystem: Die Studentinnen und Studenten können problemlos mit Smartphone, Apps und neuen Technologien umgehen, Aufgabe der Schule und der Hochschule ist es nun, ihnen die Systeme dahinter nahezubringen, und das nicht nur im technischen Sinne. Zusammenhänge zu verstehen ist überdies wichtiger als Faktenwissen, das morgen schon obsolet ist.

Die PodiumsdiskutantInnen im Gespräch

Ein wichtiges Stichwort ist auch die soziale Kompetenz im menschlichen Miteinander in der virtuellen wie in der „realen“ Welt. Und das insbesondere vor dem Erfahrungshintergrund, über soziale Medien online in unterschiedlichen Gruppen vernetzt zu sein, während man gleichzeitig im Hörsaal – oder am Arbeitsplatz – anwesend ist. Diese Gleichzeitigkeit ist ein Phänomen, dem sich alle stellen müssen, Individuen wie Organisationen, denn sie ist ein Merkmal der Digitalisierung, das sich durch viele Prozesse zieht. Smartphones aus dem Unterricht oder das Internet vom Arbeitsplatz zu verbannen, ist hier nicht die Lösung, ein Umdenken vielfach nötig.
„Nicht verteufeln, sondern integrieren“, diesen Ansatz vertrat auch Mag. Andreas Berger, Leiter Human Resources, Rosenbauer International AG, Leonding. Die Digitalisierung ist für ihn kein Zukunftstrend, sondern findet längst statt, sie ist Alltag. Die Aufgabe des Bildungssystems ist daher, die digitalen Systeme und wie sie zusammenhängen für den Einzelnen verstehbar zu machen und Kompetenz im Umgang damit zu vermitteln. Kinder für Technik zu interessieren, sei wichtig, es könne aber nur dann funktionieren, wenn das Bildungssystem den Kindern nicht vermitteln würde, sie seien dafür ohnehin unbegabt. Leider, und das kam in einigen Statements zutage, ist unser System nach wie vor darauf ausgerichtet, in der Leistungsbeurteilung Schwächen zu bewerten anstatt Stärken und Begabungen zu fördern. Hier muss nicht zuletzt im Hinblick auf den wachsenden Mangel an Fachkräften ein Umdenken stattfinden.
Integrieren statt verteufeln gilt für Unternehmen aber auch an einer anderen Stelle, nämlich in der Frage der Flexibilität hinsichtlich Arbeitszeitmodellen, die vom Gesetzgeber derzeit tendenziell immer strenger geregelt werden, anstatt Freiräume zu schaffen, wo sie nicht nur von Arbeitgebern, sondern auch von Arbeitnehmern immer mehr gewünscht werden. Digitalisierung und Automatisierung würden ganz neue Denkweisen hinsichtlich des Begriffs von Produktivität erlauben, eine dahingehende Trendwende auf breiter Basis wäre wünschenswert.

Das Publikum lauscht gespannt

Was sich allerdings durchaus ändert, ist das Führungsverständnis und Führungsverhalten. Ing. Hermann Studnitzka, Leiter Didactic, Festo Gesellschaft mbH Wien, sieht eine zunehmende Bedeutung coachender Führung. Die informelle Führungskraft, der Teamleiter, die Gruppenleiterin, alle, die wirklich nah am Mitarbeiter, an der Mitarbeiterin dran sind, werden immer wichtiger – denn dort geschieht die Sicherung von sozialer Kompetenz und menschlicher Beziehung. Man könnte auch sagen: Die Vertrauenskultur wird wichtiger. Andreas Berger von Rosenbauer ergänzte: „Zwänge sind nicht mehr zeitgemäß. Das neue Führungsleitbild besteht darin, eine Vision zu teilen und zu hoffen, dass die Mitarbeiter das verstehen und mitziehen.“
Was sich Unternehmen von einem Bildungssystem, das die Anforderungen von Industrie 4.0 und ihren Begleiterscheinungen erfüllt, und von ihren künftigen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern und was sich Jugendliche für ihre Zukunft wünschen, ist in diesem Sinne gar nicht weit voneinander entfernt: eine effektive Förderung von Talenten und Begabungen und die Möglichkeit, sich in einem wertschätzenden Umfeld sinnvoll einzubringen.

Get-together im Anschluss

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