Nachlese
Jahreskongress Einkauf & Supply Management 2019

„Die Ruhe vor dem Sturm? Zwischen vollen Auftragsbüchern und Krisenangst“: Unter diesem Motto lud das Forum Einkauf im ÖPWZ von 23. bis 24. Mai 2019 ins Relax Resort Kothmühle in Neuhofen/Ybbs. Den Teilnehmerinnen und Teilnehmern wurde schon bei der Keynote klar: Risiko? Nein danke! Es folgten inspirierende Vorträge, Networking und jede Menge Impulse für die Praxis.

Vor dem ersten Vortrag fanden die Workshops der Aussteller zu digitalen Einkaufslösungen statt.

Partner und Aussteller Jahreskongress Einkauf & Supply Management 2019:

mercateo | NETFIRA | PSG | RS Components | SAP | SAP Ariba | SER | The Fresh Connection | Wiesner Hager |

Kluges Risikomanagement, alternatives Sourcing, digitale Strategien, agile Prozesse – alles mit dem Ziel, einen wesentlichen Beitrag zum Unternehmenserfolg zu leisten – standen im Zentrum der beiden Kongresstage, durch die Dipl.-Ing. Jörg Köck, Better Solutions Coachingconsulting GmbH, Locarno, als Moderator führte. Nach der Begrüßung durch Mag.a Gabriela Scopp, Präsidentin Forum Einkauf, Geschäftsführerin Safe Exports e.U., ging es gleich los mit einem wahren Feuerwerk an Informationen aus der Welt der Wirtschaft und der Finanzen:

Geht der Aufschwung ewig weiter? Diese Frage wurde von Mag. Stefan Bruckbauer, Chefökonom UniCredit Bank Austria AG, in seiner Keynote, recht klar beantwortet: Die Konjunktur hat sich deutlich abgekühlt. Welthandel und globale Industrieproduktion gehen zurück. Woran liegt das? Sowohl der Handelskonflikt, den die USA vom Zaun gebrochen haben, als auch der Brexit drücken auf die Stimmung, Importe gehen nicht nur im EU-Raum, sondern auch in China zurück. Insgesamt nahm die Unsicherheit in den letzten Monaten zu, wobei gar nicht so klar ist, warum eigentlich, denn es gibt keine explizit benennbare Krise wie beispielsweise bei einschneidenden Ereignissen wie 9/11, dem 2. Golfkrieg oder der Finanz- bzw. Eurokrise. Vielmehr handelt es sich um einen zyklischen Abschwung, nämlich den 18. seit 1960. Und tendenziell zeigen sich auch schon wieder erste kleine Anzeichen einer Stabilisierung, besonders gut zu erkennen am Dienstleistungssektor, am starken Arbeitsmarkt im Euroraum, an der Lohnentwicklung und an einer positiven Konsumentenstimmung in Europa.

Eine wichtige Datenquelle für die Ökonomen in der UniCredit Bank Austria ist übrigens der UniCredit Bank Austria EinkaufsManagerIndex (EMI).
https://www.opwz.com/forum-einkauf/medien-downloads.html

Der Index erscheint unter der Schirmherrschaft des Forum Einkauf im ÖPWZ in Zusammenarbeit mit IHS Markit, UK, einem unabhängigen Marktforschungsinstitut. Er basiert auf einer monatlichen Datenerhebung in Form eines Fragebogens, der von EinkaufsleiterInnen bzw. GeschäftsführerInnen österreichischer Industrieunternehmen beantwortet wird und Einkaufsverantwortlichen einen monatlich verfügbaren, beschaffungsrelevanten Überblick über die konjunkturelle Lage der Industrie bietet.

Plenum

Auftakt im Plenum

Kranert

Prok. Ernst Kranert

„Wenn du nicht die Risiken einschränkst, dann werden die Risiken dich einschränken“:

Nach diesem Motto hat WOLF, europäischer Marktführer bei Gebäudeklimasystemen mit Produktionsstandorten in Deutschland und Kroatien, sein Risikomanagement aufgesetzt. Prok. Ernst Kranert, Bereichsleitung Einkauf, WOLF Gruppe, Mainburg, bot einen Einblick in die Schwerpunkte, die das Unternehmen dabei setzt. Risikomanagement beginnt für WOLF beim Prozess der Lieferantenauswahl. Dazu wurde die externe Wertschöpfungskette detailliert analysiert und in Risikoarten geclustert. Für jedes Risiko wurden die Unterrisiken erarbeitet und beschrieben. Dies ist die Grundlage für turnusmäßige Risikobewertungen mit Berechnung von Schadenshöhen und Eintrittswahrscheinlichkeit bis hin zur Berechnung des entgangenen Gewinns. Für Ernst Kranert führt kein Weg an einer forcierten Digitalisierung vorbei, von der auch das Risikomanagement profitiert: Künstliche Intelligenz wird das Warengruppenmanagement beeinflussen, Avatare werden Preise für Standardteile verhandeln, eine Vielzahl von Dienstleistern entwickelt Systeme für Optimierung der Logistik und des Zahlungsverkehrs, die Auswertung von Dokumenten und automatisierte Vertragsvorbereitung. Der Einkauf, bei dem sämtliche Daten der Wertschöpfungskette zusammenlaufen, betreibt das Prozessmanagement, mit allen damit verbundenen Aufgaben des Risikomanagements.

FunderMax hat das Risikomanagement um positive Potenziale erweitert und mit CHARM – Chancen- und Risikomanagement – positive wie negative Abweichungen gegenüber den Unternehmenszielen zu den Objekten der Betrachtung gemacht. Alexander Klepp, Vice President Einkauf, FunderMax GmbH, St. Veit/Glan, stellte den CHARM-Prozess vor, wie er als Teil der Einkaufs-Warengruppenstrategie des Unternehmens umgesetzt wird: Auf den drei Ebenen Konzern, Konzernunternehmen und Gesellschaften werden CHARM-Prozessverantwortliche definiert und detaillierte Analysen und Bewertungen durchgeführt. Anhand eines Praxisfalles zeigte Alexander Klepp, wie dieser Prozess funktioniert und welche Potenziale darin stecken. So konnte FunderMax durch den Zukauf eines Unternehmens nicht nur eigene Beschaffungsrisiken verringern, sondern gleichzeitig eine Chance nützen und ganz neue Perspektiven als Anbieter entwickeln. Der Einkauf spielte in diesem Prozess eine wesentliche Rolle als Gestalter und Nutzer des CHARM-Management-Systems.

Bruckbauer

Mag. Stefan Bruckbauer

Uljanov

Mag. Theodor Uljanov

Für Mag. Theodor Uljanov, Partner bei Kloepfel Consulting, ist der Ergebnisbeitrag des Einkaufs nicht allein über Savings zu bewerten. Ganz im Sinne seiner beiden Vorredner sieht er die wahren Potenziale des Einkaufs in einem ganzheitlichen Ansatz, den er „Einkaufsstrukturoptimierung“ nennt. Der Vergleich von Beschaffungskostenoptimierung versus Einkaufsstrukturoptimierung zeigt die Dimensionen und Wechselwirkungen auf: Einkaufsstrukturoptimierung ist Prozessoptimierung. Die Beschaffungskosten- und Konditionsoptimierung bleibt ein Kernthema, optimierte Prozesse in diesem Bereich wirken sich aber gleichzeitig positiv auf die Organisationsentwicklung aus. Treiber auch hier: die digitale Transformation im Einkauf mit Auswirkungen auf Methoden und Tools – unerlässlich daher die Qualifizierung der MitarbeiterInnen. Die strategischen Aufgaben des Einkaufs werden zunehmen, operative Tätigkeiten werden zurückgedrängt, der Einkauf wird zu einem wesentlichen Erfolgsfaktor entlang der gesamten Wertschöpfungskette des Unternehmens. Das gedankliche Raster zur Strukturierung des Einkaufs ist das 6-Säulen-Modell des Supply Managements:

Strategie – Prozesse – Organisation – Personal – Methoden – Performance-Management

Nach diesem ersten Block von Vorträgen, in dem es um Methoden zur Risikobewertung, um Prozessmanagement, Organisationsentwicklung und Aspekte der Digitalisierung ging, schauten sich die nächsten Vortragenden konkret auf den Beschaffungsmärkten um. Wie entwickeln sich die Möglichkeiten des Lieferanten-Sourcings weltweit, wird es bald neue Player am Beschaffungsmarkt geben?

In ihrem Vortrag „Bye bye China? Procurement von morgen: Werden Asiens Big Player China den Rang ablaufen?“ lieferten Mag.a Bettina Lindner-Mraz, Business Development, Global Sourcing Services Austria, und Dipl.-Ing. Christoph Wilhelm, CEO, Global Sourcing Services AG Schweiz, einen ausführlichen Überblick über die Situation in Asien, speziell in China, Indien, Vietnam und Indonesien. China entwickelt sich rasant weiter und nutzt verstärkt Vietnam und Indonesien als verlängerte Werkbank, wenngleich China weiterhin eine maßgebliche Rolle im Global Sourcing spielen wird. Speziell Regionen im Landesinneren werden interessanter, da sie von der Lohnstruktur wie von der geopolitischen Lage – kürzere Transportwege Richtung Europa – profitieren. Was Indonesien, Indien und Vietnam als alternative Sourcing-Quellen betrifft, müssen hinsichtlich möglicher Risikofaktoren neben der teilweise sehr schlechten lokalen Infrastruktur die demografische Entwicklung und das immanente Katastrophenpotenzial – Erdbeben, Tsunamis, Terroranschläge – berücksichtigt werden. So ist China derzeit vielfach alternativenlos, Indien bietet Chancen, stellt aber hohe Anforderungen. Indonesien sollte man als Einkäufer für die Zukunft im Auge behalten, während Vietnam derzeit für Europäer schwer zu erschließen ist, da hier die Nachfrage aus China und Südkorea alle Ressourcen bindet.

Mraz

Mag.a Bettina Lindner-Mraz

Wilhelm

Dipl.-Ing. Christoph Wilhelm

Doch wie stehts mit Afrika? Diesen Kontinent mit seinen 54 Staaten und einer Bevölkerungszahl von über einer Milliarde Menschen haben europäische Einkaufsabteilungen noch nicht so sehr auf dem Radar, was sich aber möglicherweise bald ändern wird, denn Afrika entwickelt sich zu einem ernstzunehmenden Standortanbieter in der globalen Beschaffungslandschaft. Die Einkaufsexpertin Dr.in Irène Y. Kilubi, sie war im Beschaffungsmanagement von Siemens und BMW tätig und arbeitet aktuell in einem EU-Förder-Projekt, ging in ihrem Vortrag zu Chancen und Risiken in afrikanischen Beschaffungsmärkten auf die Herausforderungen ein, die sich aus unterschiedlichen kulturellen Zugängen, in der Kommunikation und Interaktion, hinsichtlich Qualität und Zuverlässigkeit und nicht zuletzt aufgrund von politischer Volatilität ergeben. Wer sich auf diese Herausforderungen einlässt, kann aber durchaus Potenziale erschließen. Denn obwohl das größte wirtschaftliche Asset Afrikas bisher die Rohstoffe sind, wird auch immer mehr direkt dort verarbeitet. Irène Y. Kilubi schloss ihre Ausführungen mit einem Zitat, das auf die Arbeit des Einkaufs generell sehr gut passt:

„Wenn du schnell gehen willst, dann gehe alleine. Wenn du weit gehen willst, dann musst du mit anderen zusammen gehen.“

Klepp

Alexander Klepp

Dachs

Bernhard Dachs

Handelskriege und Beschaffungsmarkt-Risiken auf der einen Seite, neue technologische Möglichkeiten – Stichwort Industrie 4.0 mit Automatisierung und vermehrtem Robotereinsatz – auf der anderen Seite: Ist Re-Sourcing eine Alternative, um Risiken zu vermindern oder auch neue Chancen zu nützen? Bernhard Dachs, Senior Scientist, Center for Innovation Systems & Policy, AIT Austrian Institute of Technology, Wien, hat sich in einer Studie dem Thema Rückverlagerung der Produktion nach Österreich gewidmet. Diese kommt noch nicht sehr häufig vor, ist aber eine Option, die künftig dort eine Rolle spielen könnte, wo es um Flexibilität, Qualität, steigende Lohnkosten oder auch die – absehbare –Steigerung von Transportkosten geht. Seine These: Rückverlagerungen werden mit der weiteren Entwicklung von Industrie-4.0-Technologien zunehmen. Deshalb bedeutet Rückverlagern auch nicht Scheitern, sondern kann Teil einer Gesamtstrategie sein und die Wettbewerbsfähigkeit stärken, wenn damit höhere Produktivität und Flexibilität erreicht werden.

In vielen Vorträgen wurde die Digitalisierung im Einkauf erwähnt, als Unterstützung bei den Prozessen, in der Datenbeschaffung und Datenanalyse. Da stellt sich natürlich die Frage: Wird der Einkauf wegdigitalisiert? Die Antwort ist eindeutig: Nein! Der Einkauf erschafft sich neu, er befindet sich in einer Phase der digitalen Transformation, die über die Optimierung von ERP und SRM weit hinausgeht. Thomas Weber, Vice President Global Sourcing & Procurement, RITTAL GmbH & Co. KG, Herborn, zeigte, wie der „Global Player“ Rittal den Einkauf 2020 sieht. Und wie schon öfter kam auch hier wieder deutlich heraus, dass Einkauf von der Kostenorientierung weg immer mehr Richtung Nutzenorientierung geht. Produktwertoptimierung und Value Engineering lösten Kostenoptimierung und Cost Engineering ab. Anders ausgedrückt: Erfolgsentscheidend ist der Wert des Angebots aus Sicht der Kunden. Produkte und Services müssen echten Nutzen stiften und reale Probleme lösen. Dazu muss das Innovationspotenzial externer Partner genutzt werden, Innovationspartnerschaften sind das Gebot der Stunde. Die Digitalisierung beschleunigt diesen Wandel.

Kilubi

Dr.in Irène Y. Kilubi

Weber

Thomas Weber

Unerlässlich dafür ist eine krisensichere Einkaufs-IT-Infrastruktur, die Prozessstabilität, Sicherheit und Compliance garantiert sowie nutzerfreundlich und zukunftssicher ist. Die Auswahl von Anbietern ist daher unternehmenskritisch und muss äußerst sorgfältig erfolgen. Die Leitphilosophie hinter allen Maßnahmen: Procurement Excellence. Im Alltagsgeschäft gilt es, Chancen und Risiken aktiv zu managen, Standards und Shared Services zu nutzen sowie Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter rollenbasiert zu entwickeln und dafür zu sorgen, dass alle erforderlichen Kompetenzen verfügbar sind. Zum Abschluss fasste Thomas Weber die Kernfragen zusammen, die jedes Unternehmen, jede Einkaufsabteilung, wie eine Roadmap nützen könnte:

  • Wo steht der Einkauf in X Jahren?
  • Welche Kernaufgaben hat der Einkauf?
  • Wie maximieren wir den Wertbeitrag?
  • Woran messen wir Erfolg und Reifegrad?
  • Was ist das richtige Maß an Transparenz?
  • Welche Organisation und Prozesse sind optimal?
  • Welche Voraussetzungen werden benötigt?
  • Wie entwickeln wir die Mitarbeiterqualifikation?
  • Wie aktivieren und motivieren wir die Mitarbeiter?
  • Wie schaffen wir nachhaltige Veränderungen?

Wo und wie fangen wir an? – Das könnte man nun fragen. Die Antwort darauf lieferte der nächste Vortrag. Mit „Der hybride Einkauf: Agiles Setup für agile Prozesse“ brachte Claus-Peter Koch, Geschäftsführer, HEUPEL CONSULTANTS Schweiz GmbH, einen Überblick über aktuelle „agile“ Methoden, die er als Werkzeuge für die erfolgreiche Transformation empfiehlt. Er zeigte, wie man Kanban, Scrum und Design Thinking in der Prozesslandkarte optimal einsetzt, und schloss mit Handlungsempfehlungen für die praktische Umsetzung des „agilen“ Kulturwandels. Sein Appell an die Einkäuferinnen und Einkäufer:

„Nutzen Sie die Chance und werden Sie noch heute zum Value Enabler für das gesamte Unternehmen!“

Koch

Claus-Peter Koch

Sloot

Corine van der Sloot

Zur Abrundung durften die Teilnehmerinnen und Teilnehmer des Jahreskongresses dann noch ein bisschen spielen. Die Supply-Chain-Simulation „The Fresh Connection“ ist ein interaktives Unternehmensplanspiel, mit dem man ausprobieren kann, wie durch gezielte Koordination und Zusammenarbeit der Unternehmensbereiche das Silodenken im Unternehmen reduziert und durch gemeinsame Entscheidungen der Unternehmenserfolg gesteigert werden kann. Corine van der Sloot, Director International Sales, TFC Instructor, Inchainge B.V., Niederlande, stellte das Spiel vor, und dann konnte eine Runde durchgespielt werden. Das Ergebnis wurde nach dem Brunch Break kurz erläutert, bevor der spannende Jahreskongress 2019 mit der Ankündigung des Termins im nächsten Jahr zu Ende ging.

Der Jahreskongress Einkauf & Supply Management 2020 findet vom 14. bis 15. Mai statt.
Wir freuen uns auf Sie!

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