Nachlese
Das Beste aus zwei Welten: Der Einkauf als Mittler und Gestalter
Jahreskongress Einkauf & Supply Management 2018

Globalisierung und Digitalisierung sind heute die treibenden Kräfte in Wirtschaft und Gesellschaft. Innovation ist das Schlagwort der Stunde, wobei die einen sie eher als Druck verspüren, während die anderen für den Sog sorgen. Etablierte Unternehmen mit klassischem Know-how und hierarchischen Strukturen sehen sich immer mehr Startups und flexiblen, innovativen KMU gegenüber, die nicht nur neue Produkte und Dienstleistungen präsentieren, sondern auch neue Führungsmethoden und Management-Werkzeuge mitbringen.

Wer wird sich durchsetzen? Erfahrung oder Innovation? Corporate oder Startups? Welche Rolle spielen Automatisierung und Künstliche Intelligenz in Zukunft? Werden die Maschinen die Menschen verdrängen? Und wie kann sich der Einkauf als zentrale Schnittstelle in der Supply Chain in diesem umfassenden Transformationsprozess positionieren, was kann sein (Wert-)Beitrag sein? Unter der bewährten Moderation von Dipl.-Ing. Jörg Köck, Better Solutions Coachingconsulting GmbH, Locarno, präsentierten und diskutierten die TeilnehmerInnen des Jahreskongresses Einkauf & Supply Management von 24. bis 25. Mai 2018 im wunderschönen Ambiente des Hotels Pichlmayrgut in Schladming, Steiermark, wohin die Reise geht.

Begrüßung durch Gabriela Scopp

Begrüßung durch Gabriela Scopp

Einleitung durch Jörg Köck

Einleitung durch Jörg Köck

Mag.a Gabriela Scopp, Präsidentin Forum Einkauf, Geschäftsführerin Safe Exports e.U., schlug in ihrem Begrüßungsstatement einen Bogen zu den letzten beiden Jahreskongressen, die sich unter dem Motto „Smart New World – Wollen Sie die Welle reiten oder den Tsunami fürchten?“ (2016) bzw. „Alles bleibt anders“ (2017) schon intensiv mit dem durch die Digitalisierung angetriebenen Change – Schlagwort Industrie 4.0 – auseinandergesetzt hatten. Nach nur zwei Jahren sieht es nun so aus, dass viele etablierte Unternehmen gekonnt die Welle reiten, sich gegenüber Startups öffnen oder sogar selbst welche gründen – oder sich proaktiv in einen permanenten Innovationsprozess begeben haben bzw. dies für die nahe Zukunft planen.

Der erste Themenblock „Bewährtes und Neues: Weshalb es beides braucht“ startete mit Benjamin Schwärzler, MSc, Chief Executive Officer, Tablet Solutions GmbH. Sein Rat an die etablierten Unternehmen: „Don’t change but keep improving!“ Die junge Firma bietet Lösungen im Bereich Instandhaltung für die Industrie. An seinen Kunden schätzt der junge Unternehmer deren Kontinuität und Verlässlichkeit und dass sie trotz Sicherheitsdenken Innovation und Digitalisierung zulassen. Die Führungsmethode in seinem Unternehmen ist „agiles Management“, er möchte mit aktiven MitarbeiterInnen die Effizienz steigern, und die wichtigste Zutat dafür ist: Vertrauen. Teams, die sich untereinander vertrauen, sind leistungsfähig und flexibel, und das nützt auch seinen Kunden.

Eva Roitner, voestalpine Stahl

Eva Roitner, voestalpine Stahl

„Als Vertreterin eines Corporate nehme ich mit, mich mit den agilen Methoden von Start-Ups näher zu befassen.“

Eva Roitner, Leitung Einkauf Material, voestalpine Stahl GmbH

„Der ÖPWZ-Jahreskongress Einkauf bringt uns auf den aktuellen Stand über Innovationen und Technik. Ich habe spannende Visionen bekommen, wohin die Reise führen kann, auch wenn selbstverständlich nicht alles auch 1:1 in das eigene Unternehmen transferiert werden kann.“

Helga Gadermaier, BA, Einkäuferin, Wiesner-Hager Möbel GmbH

„Same same but different“: Eva Roitner, Leitung Einkauf Material, voestalpine Stahl GmbH, bot mit ihrem Vortrag einen Einblick in die Praxis des Einsatzes von Digitalisierungstools in der Beschaffung. Die Herausforderung: eine einheitliche und effiziente Arbeitsweise sicherzustellen und gleichzeitig bewährte Prozesse zu erhalten. Der Weg dahin: die Entwicklung des Bewusstseins, dass sich der Einkauf um das große Ganze kümmern muss; ein großes Ziel, aber nicht ein großes Projekt, sondern schrittweises Vorgehen; Change Management und sehr, sehr viel Kommunikation. Der Wertbeitrag des Einkaufs: einerseits Einsparungen, andererseits mehr Effizienz.

Philipp Rößler, Blockchain Consultant

Philipp Rößler, Blockchain Consultant

„Von Start ups können wir Interessantes lernen – ich nehme mir für unsere Unit vor, dass wir die agile Kommunikation bewusster leben, um uns täglich zu verbessern.“

Mag. Daniel Auringer, Einkäufer, RAG Rohöl Aufsuchungs AG

Ein wichtiges Tool der Zukunft wird möglicherweise die Blockchain sein. Ing. Philipp Rößler, BSc, MA, berät Unternehmen zu diesem Thema und bot einen Überblick über die Funktionsweise und möglichen Einsatzbereiche in Einkauf und Supply Chain: sicheres, effizientes, automatisiertes Management von Lieferanten, Zertizierungen, Ursprungsnachweisen sowie Verträgen und Logistikabläufen in der gesamten Lieferkette.

Im zweiten Themenblock ging es um „Einkauf und Partner: Wie aus Kooperation Innovation wird“.

Markus Jürgens, TransPak

Markus Jürgens, TransPak

Benjamin Storm, Mercateo

Benjamin Storm, Mercateo

Kooperation ist Beziehungsmanagement! Zum Einstieg diskutierten Dipl.-Kaufmann Markus Jürgens, Vorstand, TransPak AG, und Benjamin Storm, Head of Partner Management Mercateo, darüber, wie eine innovative Partnerschaft im Bereich Verpackung funktioniert – und das „trotz“ Digitalisierung. Die Kernaussage: Der Preis ist wichtig, aber exzellenter Service ist das Differenzierungsmerkmal, anhand dessen man seinen Partner aussuchen sollte. Der Lieferant wird so vom analogen Anbieter zum digitalen Dienstleister für den Einkauf.

Markus Gruber, PÖTTINGER Landmaschinen

Markus Gruber, PÖTTINGER Landmaschinen

„Besonders interessant ist für mich die Möglichkeit, mich beim Jahreskongress Einkauf mit VertreterInnen anderer Branchen zu vernetzen – das bringt neue und spannende Sichtweisen.“

Markus Gruber, Bereichsleiter Einkauf, PÖTTINGER Landtechnik GmbH

Digitalisierung und Innovation in einem sehr traditionsgeprägten Umfeld standen im Mittelpunkt des nächsten Vortrags. Markus Gruber, Bereichsleiter Einkauf, PÖTTINGER Landtechnik GmbH, berichtete über die Maßnahmen des Unternehmens im Bereich Digital Supply Chain. Vernetzung über verteilte Standorte hinweg und offen abrufbare Daten zu Bedarfen und Planungen auch für Lieferanten sind die zentralen Werkzeuge, die den Einkauf unterstützen und dem Unternehmen zusätzlich viel Flexibilität hinsichtlich Innovation und gegenseitigem Austausch mit Lieferanten bieten.

Zum Abschluss des ersten Kongresstages kam mit Chris H. Leeb, CEO Angelitos Inc., Palo Alto, California, USA, ein Impulsgeber mit sehr viel Schnittstellen-Know-how zu Wort. „Corporates & Startups: Culture Clash oder Success Story? Was kann der Einkauf beitragen?“ Der erste Schritt: sich der Unterschiede zwischen den Kulturen bewusst werden. Diese sind enorm, aber voller Erkenntnispotenzial. Umdenken allein reicht nicht, „Umhandeln“ ist das Gebot der Stunde, und damit sollte man am besten gleich heute anfangen. Der Einkauf hat aufgrund seines Sourcing-Wissens die besten Voraussetzungen, die richtigen Fragen zu stellen: Welche Startups passen zu uns? Wo sind unsere Chancen, wo liegen die Risken? Leadership sieht für Chris Leeb so aus: „Träume groß und fang klein an, aber das sofort! Erbringe einen Wertbeitrag! Sei neugierig und spielerisch wie ein Kind! Sei menschlich! Sei ein Vorbild.“

Chris H. Leeb, CEO Angelitos Inc.

Chris H. Leeb, CEO Angelitos Inc., Palo Alto, California, USA

„Die einführenden Workshops sowie die ersten Vorträge behandelten Strategien und Tools, welche die durchgängige Digitalisierung der operativen Einkaufsprozesse ermöglichen. Dadurch können wesentlich höhere Prozesssicherheiten bei gleichzeitiger Effizienzsteigerung realisiert werden.

Den absoluten Höhepunkt des Kongresses bildete die Keynote von Chris Leeb, welcher mit seiner bekannt pointierten Art Impulse gab, wie Corporates und Startups voneinander profitieren können. Das war "Frischer Wind" aus dem Silicon Valley!

Der weitere Verlauf ergab etliche handfeste Inputs für die gewinnbringende Umsetzung von Kooperation und Innovation mit Lieferanten sowie in Workshops definierte Perspektiven der Teilnehmer hinsichtlich Visionen und Strategien, um den "digitalen Affenzirkus" zum Erfolg zu bringen.

Kurzum, dieser Kongress brachte tatsächlich den spagathaft gewählten Titel "Das Beste aus zwei Welten" zum Be-Greifen und Er-Leben!“

Dipl.-Wirtsch.-Ing. (FH) Willi Pranzl, Einkaufsleiter WEBER HYDRAULIK GmbH

Am zweiten Tag ging es weiter mit dem Themenblock „Mensch und Maschine: Künstliche Intelligenz intelligent nutzen“. Horst Orsolits, MSc, Stv. Studienlehrgangsleiter Mechatronic/Robotic, FH Technikum Wien, sprach über „Augmented, Virtual & Mixed Reality: Unterschiede und Möglichkeiten der künstlichen Realitäten für Einkauf, Logistik & Produktion“. Er demonstrierte verschiedene Einsatzszenarien, unter anderem, wie die Produktion des Lieferanten vor Ort vom Schreibtisch aus besichtigt werden kann.

Horst Orsolits, FH Technikum Wien

Horst Orsolits, MSc, Stv. Studienlehrgangsleiter Mechatronic/Robotic, FH Technikum Wien

3D-Druck und seine Auswirkungen auf Einkauf & Supply Management standen im Mittelpunkt des nächsten Vortrags. PD Dr. Maximilian Lackner, MBA, Lektor am Institute of Advanced Engineering Technologies, FH Technikum Wien, widmete sich neben einem Überblick über den aktuellen Stand der Technik im 3D-Druck der Grundsatzfrage im Einkauf: „Make or buy?“ Worauf ist bei der Anschaffung eines 3D-Druckers zu achten, welche 3D-gedruckten Teile lassen sich vorteilhaft in Lohnfertigung sourcen? Spart ein 3D-Drucker ganze Ersatzteillager? Die Perspektiven sind sehr interessant und der Einfluss dieser innovativen Technologie auf die Beschaffung und Instandhaltung wird merklich zunehmen.

PD Dr. Maximilian Lackner, FH Technikum Wien

PD Dr. Maximilian Lackner, MBA, Lektor am Institute of Advanced Engineering Technologies, FH Technikum Wien

„Die Workshops waren schon interessant und eine gute Einstimmung auf die folgenden Vorträge. Einige Vorträge waren für längerfristige Überlegungen, die Vorträge zu Augmented, Virtual & Mixed Reality sowie 3D-Druck waren für mich ein Denkanstoß für baldige Anwendungen. Insgesamt ein abgerundetes Bild über die Herausforderungen der nächsten Jahre.“

Mag. (FH) Manfred Dorazin, Head of Supply Chain Management, Otis GesmbH

Nach diesen vielen Impulsen aus Theorie und Praxis von Digitalisierung und Innovation fehlte nur noch der Transfer in die tägliche Arbeit der EinkäuferInnen. Diese Aufgabe übernahm der abschließende Part des Jahreskongresses, der Innovationszirkel – „Reframing Procurement. Was hindert, was fördert Innovation im Einkauf?“. Angeleitet von Jürgen Weiss, Geschäftsführer, DigitizedRebels Consulting GmbH, widmeten sich die TeilnehmerInnen in Gruppenarbeiten folgenden Themen: Wer sind die Unterstützer, wer die Bremser von Innovation? Welche hindernden Denkmuster im Einkauf lassen sich identifizieren und hinterfragen? Was sind die Kennzeichen einer innovationsgetriebenen Einkaufskultur? Welche neuen Perspektiven im Einkauf lassen sich daraus ableiten und entwickeln?

Die Präsentation der Gruppenergebnisse erfolgte nach dem abschließenden Vortrag von Jürgen Weiss: „Digitaler Affenzirkus: Wie wir unsere Innovationsbremsen loswerden“, in dem es um die Frage ging, was Innovation eigentlich bedeutet, wie man selbst innovativ arbeiten und sich weiterentwickeln kann und wie man die „Kooperationswütigen“, „Ignoranzbefürworter“ und „Powerpointgötter“ ins Boot holt. Bei den Gruppenarbeiten hatten sich einige der in den beiden Kongresstagen schon mehrmals erwähnten Haltungen herauskristallisiert, die es braucht, um für die Zukunft gerüstet zu sein: Vertrauen, Transparenz, Kommunikation und Interaktion, Kreativität, Risikobereitschaft, Neugier. Mit einem Wort: den menschlichen Faktor.

Jürgen Weiss, DigitizedRebels Consulting GmbH

Jürgen Weiss, Geschäftsführer, DigitizedRebels Consulting GmbH

Das Beste aus zwei Welten: Die Vortragenden und TeilnehmerInnen des Jahreskongresses Einkauf & Supply Management 2018 haben gezeigt, was möglich ist, wenn sich Bewährtes und Neues verbinden. Die Frage „Corporate“ oder „Startup“ stellt sich in dem Moment nicht mehr, wo man aufeinander zugeht und bereit ist, voneinander zu lernen. Innovation braucht Freiräume, aber auch Struktur. Die Digitalisierung bringt neue Organisationsmethoden und Tools hervor und künstliche Intelligenz braucht Menschen, die sie intelligent nutzen. Der Einkauf steht als Gestalter von Innovation und Kooperation an einer spannenden Schnittstelle und ist Impulsgeber zwischen beiden Welten.

Der nächste Jahreskongress Einkauf & Supply Management des Forum Einkauf im ÖPWZ findet von 23. bis 24. Mai 2019 in Neuhofen/Ybbs statt.

ÖPWZ abonnieren