Nachlese
„Alles bleibt anders“ – Jahreskongress Einkauf & Supply Management 2017

Die digitale Transformation ist voll im Gang und die Dynamik des Wandels ergreift Konzernunternehmen wie KMU gleichermaßen. Welchen Platz hat die Einkaufsabteilung in digitalen Umwelten? Ist der Einkauf bald nur noch Datenverwalter, Ombudsmann für Problemfälle und Reklamationsbearbeiter? Oder wird der Einkauf durch die Digitalisierung von Routinearbeiten entbunden und kann er seine strategischen Kompetenzen voll entfalten? Und: Welche Fähigkeiten braucht er dafür und wo bekommt er Unterstützung?
Die Antworten auf diese Fragen holten sich mehr als 70 begeisterte TeilnehmerInnen auf dem Jahreskongress Einkauf & Supply Management 2017 des ÖPWZ. Den malerischen Rahmen für zwei hochproduktive Kongresstage bot das Hotel Pichlmayrgut in Schladming in der Steiermark.

Mag.<sup>a</sup> Gabriela Scopp, Präsidentin Forum Einkauf, Geschäftsführerin Safe Exports e.U.

Mag.a Gabriela Scopp, Präsidentin Forum Einkauf, Geschäftsführerin Safe Exports e.U.

Bibiane Sibera, Forum Einkauf im ÖPWZ

TeilnehmerInnen des Jahreskongress 2017

„Alles bleibt anders“: Mag.a Gabriela Scopp, Präsidentin Forum Einkauf und Geschäftsführerin Safe Exports e.U., erläuterte in ihrem Begrüßungsstatement das Motto des Jahreskongresses 2017 mit einem Beispiel: Schon in der Antike wusste man um die Kraft der Sonne, im 19. Jahrhundert stießen Forscher auf die Grundlagen der Photovoltaik, heute nutzen wir Solarzellen. Was bleibt? Die Sonne. Was wurde anders? Die Nutzung ihrer Kraft. Was bleibt? Der Einkauf – die Lieferanten – die Beschaffungsmärkte. Was wird anders? Die Technologien – die Anforderungen an das Supply Management. Was bleibt? Der Mensch mit seiner Neugierde, seinem Forschungsdrang, seinem Wissensdurst.

Jörg Köck

Dipl.-Ing. Jörg Köck, Better Solutions Coachingconsulting GmbH, Locarno

Dipl.-Ing. Jörg Köck, Better Solutions Coachingconsulting GmbH, Locarno, Moderator der Veranstaltung, schloss in seinem Eröffnungsimpuls daran an, indem er dafür plädierte, die Lücke zwischen Wissen und Verhalten auszugleichen. „In Trainings und Seminaren eignen wir uns viele Kenntnisse an, aber im Tagesgeschäft ist es oft schwierig, sich zu fokussieren.“ Jörg Köck verwendet gern das Bild des Surfers, der im Ozean auf die optimale Welle wartet. Er weiß, sie wird kommen, aber er weiß nicht genau, wann. Und er weiß nicht, wie hoch sie sein wird – aber er ist vorbereitet. „Wir brauchen geeignete Tools, ein Verständnis für die Zusammenhänge und die Techniken für schwierige Situationen.“ Es geht um Veränderungskompetenz auf drei Ebenen: organisationale Wirkung, Teamwirkung, persönliche Wirkung. Jörg Köcks Appell: „Steuern Sie Ihre Wirkung!“

„Was bleibt: Einkaufskompetenzen ohne Ablaufdatum“ – Ing. Norbert Wagner, Leiter Einkauf und Logistik, Rosenbauer International AG, Werk Neidling, beschäftigte sich mit der Frage, welche Fähigkeiten EinkäuferInnen heute – und morgen – brauchen. Neben Sozialkompetenz, Methodenkompetenz und fachlicher Kompetenz sind Aufgeschlossenheit, Neugierde, die Bereitschaft, sich auf Neues einzulassen, und die Bereitschaft zur Veränderung unerlässlich. Besonders wichtig: Verhandlungskompetenz. Denn die relevanten Verhandlungen werden auch weiterhin von Menschen geführt.

Norbert Wagner

Ing. Norbert Wagner, Leiter Einkauf und Logistik, Rosenbauer International AG, Werk Neidling

Christian Mokry

Dipl.-Ing. Christian Mokry, Leitung Einkauf voestalpine Steel Division, Vizepräsident Forum Einkauf im ÖPWZ

Dipl.-Ing. Christian Mokry, Leitung Einkauf voestalpine Steel Division, Vizepräsident Forum Einkauf im ÖPWZ, zeigte anhand der Entwicklungen in seinem Verantwortungsbereich, wie gravierend digitale Prozesse den Einkaufs- bzw. Bestellprozess verändern. Ein Beschaffungsvolumen von rund einer Milliarde Euro, 250.000 Bestellpositionen, 4.000 Lieferanten und dies für zehn Gesellschaften – bei solchen Ausgangsbedingungen durch Digitalisierung effizienter zu werden, erfordert neben den technischen Kenntnissen auch eines ganz bestimmt: Leidenschaft. „EinkäuferInnen mit Herzblut kaufen ein, als würden sie für sich selbst einkaufen.“ Dies setzt Interesse und Freude am Verhandeln, am Kontakt mit unterschiedlichsten Personen und Funktionen, am Optimieren von Prozessen sowie am Generieren von Wertbeiträgen voraus. „Ziel ist es, jeden Tag das Beste für das Unternehmen herauszuholen“, so Dipl.-Ing. Mokry.

Ein zentrales Anliegen des Jahreskongresses: Smart Practice zum Mitnehmen! So berichtete Mag.a (FH) Beatrix Praeceptor, Chief Procurement Officer, Mondi Europe & International Mondi AG, Austria – nach ersten Einblicken auf den Jahreskongress 2016 – von weiteren Fortschritten bei der Automatisierung von Procurement-Prozessen in ihrem Unternehmen, einem Global Player der Papier- und Verpackungsindustrie: „Lessons Learned: Erfahrungsbericht über ein Jahr Fortschritt in der Digitalisierung des Einkaufs“. In den letzten Monaten standen, nach der Auswahl der geeigneten Tools und der Bereinigung von Daten, weitere Implementierungsschritte auf dem Programm. Die Botschaft für die Praxis: „Die MitarbeiterInnen müssen immer wieder motiviert werden, der Nutzen der Veränderung muss immer wieder kommuniziert werden.“

Beatrix Praeceptor

Mag.a (FH) Beatrix Praeceptor, Chief Procurement Officer, Mondi Europe & International Mondi AG, Austria

Thomas Tritremmel

Thomas Tritremmel, Director, TeDaLos

Thomas Tritremmel, Director, TeDaLos, widmete sich einem Themenbereich, der im Rahmen der Supply Chain immer wichtiger wird: die sensorunterstützte Echtzeitauswertung von Bestandsdaten und das Vendor Managed Inventory, kurz VMI. Anwendungen, die unter dem Schlagwort Internet of Things (IoT) und Big Data immer weitere Verbreitung finden, verändern die Zusammenarbeit zwischen Einkauf und Lieferanten auf unterschiedliche Weise, bis hin zur Etablierung ganz neuer Geschäftsmodelle und Services. Der Einkauf kann hier aufgrund seiner Schnittstellenfunktion zum Treiber und Initiator werden und sich so eine ganz neue strategische Position im Unternehmen schaffen – und das nicht nur im Konzernumfeld, sondern auch als KMU. Dabei geht es darum, aus Informationen Kapital zu schlagen – durch Einsparungen und Effizienzsteigerungen, aber auch durch völlig neue Modelle der Zusammenarbeit entlang der Supply Chain bis zum Endkunden.

Dipl.-Ing. (FH) Manfred Affenberger, Head Mill Procurement Gratkorn, Sappi Papier Holding GmbH, zeigte anhand eines Praxisbeispiels aus seinem Unternehmen, wie sich komplexe Bestellvorgänge in einer zeitkritischen Supply Chain vollautomatisiert umsetzen lassen, und zwar vom Kunden bis zum Lieferanten, mit voller Kontrolle durch den Einkauf. Um dem Lieferanten eine solche Integration auch kostenseitig zu ermöglichen, bedarf es einer vertrauensvollen, auf Langfristigkeit ausgerichteten partnerschaftlichen Zusammenarbeit. Der Erfolg dieser Lösung ist, so Manfred Affenberger, für alle Beteiligten höchst motivierend.

Manfred Affenberger

Dipl.-Ing. (FH) Manfred Affenberger, Head Mill Procurement Gratkorn, Sappi Papier Holding GmbH

Johanna Schwabach

Johanna Schwabach, MSc, MBA, Leiterin Beschaffung und Logistik, AIT Austrian Institute of Technology GmbH

Von motivierenden Erfolgen konnte auch Johanna Schwabach, MSc, MBA, Leiterin Beschaffung und Logistik, AIT Austrian Institute of Technology GmbH, berichten. Wie sieht eine erfolgreiche Auswahl und Implementierung digitaler Tools in der Praxis eines Forschungsunternehmens mit seinen spezifischen Bedingungen hinsichtlich Ausschreibungen und Finanzierung aus und welche Ergebnisse konnten bislang erzielt werden? Die signifikante Reduzierung der Durchlaufzeiten bei Beschaffungsvorgängen ist die eine Seite, eine ebenso signifikante Verbesserung im Dokumentenmanagement die andere Seite. Die Suche nach Unterlagen erfolgt nun blitzschnell und digital vom Schreibtisch aus und nicht mehr durch den Gang ins Archiv und das Durchforsten unzähliger Aktenordner. Effizienz und Kosteneinsparungen sind Ergebnisse, die den Aufwand der Implementierung und laufenden Wartung mehr als ausgleichen.

Tobias Zillner, BSc, MMSc, Geschäftsführer, Zillner IT-Security, White Hat Hacker & Security Researcher, zeigte live, wie „Phishing“ funktioniert und wie Menschen durch „Social Engineering“ dazu verleitet werden, vertrauliche Daten wie beispielsweise Passwörter preiszugeben. Unter dem Motto „Beschaffung einmal anders“ bot der IT-Experte einen Live-Einblick in die Parallelwelt des sogenannten Darknet und die dort auffindbaren Verkaufsplattformen für spezielle Produkte, Dienstleistungen und Informationen. Diese „Shops“ unterscheiden sich wenig von den allgemein bekannten Einkaufsportalen aus dem Internet, samt Händlerbewertungen mit Sternchen. Der anekdotenhaft-humorvolle Einblick in die Untergrundstrukturen des Netzes sollte dennoch nachdenklich stimmen, denn dort werden schließlich auch die sensiblen Daten aus Unternehmen gehandelt, deren Entwendung der zuständige IT-Manager vielleicht noch nicht mal bemerkt hat.

Tobias Zillner

Tobias Zillner, BSc, MMSc, Geschäftsführer, Zillner IT-Security, White Hat Hacker & Security Researcher

Manfred Wöhrl

Prof. Dr. Manfred Wöhrl, Geschäftsführer R.I.C.S. Research Institute for Computer Science

Die Implementierung hochkomplexer Software und die Zusammenführung unternehmenskritischer Daten mit allen damit verbundenen Risiken ist auch für den Einkauf ein Thema, dem mit Offenheit und Problembewusstsein begegnet werden muss. Prof. Dr. Manfred Wöhrl, Geschäftsführer R.I.C.S. Research Institute for Computer Science, ging auf diese Seite der Digitalisierung in seinem Vortrag „Risiken in der digitalen Transformation mit dem Werkzeug BCM (Business-Continuity-Management) mininieren“ ein. Die zunehmende Nutzung von Cloud-Services, der massiv steigende Einsatz von Sensoren, die Daten messen und übertragen, das Speichern und Auswerten riesiger Datenmengen (Big-Data-Anwendungen), der Austausch unternehmenskritischer Datenbestände mit Lieferanten und Kunden, der Zugriff auf diese Daten durch Softwareanbieter und Dienstleister und die Abhängigkeit von IT-Infrastruktur (Hard- und Software) – all dies erfordert ein umfassendes Risikobewusstsein und Risikomanagement, ergänzt von Informationssicherheits-Management und, last but not least, Datenschutz-Management. Die Sensibilisierung dafür muss auf allen Hierarchie-Ebenen erfolgen – verbunden mit der entsprechenden Qualifizierung.

Alexander Steinhart

Mag. Alexander Steinhart, Director, Management Consulting, KPMG Wien.

Hannah M. Zühlke

Hannah M. Zühlke, Senior Manager, Operations Consulting, KPMG Köln

Einen etwas weiter gefassten Blick in die Zukunft unternahmen Mag. Alexander Steinhart, Director, Management Consulting, KPMG Wien, und Hannah M. Zühlke, Senior Manager, Operations Consulting, KPMG Köln. Sie stellten die KPMG-Studie „Der zukunftssichere Einkauf“ vor, in der Szenarien für den Einkauf im Jahr 2035 entwickelt wurden. In einem „World Café“ wurden diese Zukunftsszenarien in Form von Gruppenarbeiten analysiert und diskutiert. Für den Großteil der TeilnehmerInnen am World Café stellte sich die Zukunft des Einkaufs als „Projektwirtschaft“ dar, getragen von dynamischen Arbeitsgruppen, unterstützt von Freelancern und Entrepreneurtum. Ein spannendes Szenario, dem man sicher schon heute seine Aufmerksamkeit widmen sollte.
Der Jahreskongress Einkauf & Supply Management 2017 zeigte auf eindrucksvolle Weise, wie sich die Digitalisierung in der Praxis der Unternehmen positiv auf Kosten, Effizienz und Zusammenarbeit – und Innovation! – in der Supply Chain auswirken kann. Nach dem Ausblick auf „Industrie 4.0“ und die damit verbundenen Herausforderungen beim Jahreskongress 2016 konnte in diesem Jahr die strategische Rolle des Einkaufs für die Zukunft sowohl durch die Best Practices als auch durch die Betonung des „Faktors Mensch“ noch einmal deutlich untermauert werden. „Das Alleinstellungsmerkmal des Jahreskongresses Einkauf und Supply Management ist die Vielfalt an Learnings, die unsere TeilnehmerInnen in ihre Unternehmen als Gedankenanstoß mitnehmen und unmittelbar umsetzen können“, ist Dipl.-Ing. Christian Mokry, Vizepräsident Forum Einkauf, überzeugt.
Der strategische Einkauf kann durch nichts ersetzt werden. Mit der Digitalisierung kann er seine Aufgabe jedoch in vielerlei Hinsicht effizienter erfüllen und gleichzeitig zum Innovator und Impulsgeber im Unternehmen und in neuen Modellen der Zusammenarbeit mit Lieferanten und Kunden werden. Die temporäre Einbindung von externen ExpertInnen wird dabei eine immer wichtigere Rolle spielen, gleichzeitig werden sich die Weiterbildungsangebote an den „Change“ anpassen müssen. Mit der Ausbildung zum Digital Procurement Officer (DPO) startet das ÖPWZ eine richtungsweisende Qualifizierungsoffensive für Einkauf & Supply Management, die der rasanten Veränderungsgeschwindigkeit Rechnung trägt und flexibel auf die Anforderungen aus den Unternehmen reagieren kann und wird. Die ÖPWZ-Academy Digital Procurement Officer (DPO), die auf dem Jahreskongress von Mag.a Gabriela Scopp präsentiert wurde, startet erstmals im Oktober 2017. Der Lehrgang kann mit einem Diplom abgeschlossen werden, dem die Entwicklung eines „Use Case“ in Form eines Konzepts für die Einkaufsorganisation der Teilnehmerin bzw. des Teilnehmers vorangeht.

Der nächste Jahreskongress Einkauf & Supply Management findet vom 24. bis 25. Mai 2018 statt und wird wieder mit Best Practices, wertvollen Impulsen und der Möglichkeit zum Austausch von Mensch zu Mensch aufwarten.

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