Nachlese Blockchain, Bitcoin and more

Was Ihr Unternehmen über Blockchain-Technologie, Kryptowährungen und ihre Anwendungschancen wissen sollte

Am Dienstag, den 17. Oktober 2017, trafen sich Interessenten und Interessentinnen aus unterschiedlichen Unternehmensbereichen auf Einladung des ÖPWZ, im Besonderen der ÖPWZ-Foren Recht & Compliance, Finanzen sowie Einkauf & Supply Management, im Haus der Industrie am Wiener Schwarzenbergplatz, um sich über die Themen Blockchain und Kryptowährungen zu informieren und auszutauschen.

Derzeit hört und liest man viel über diesen Themenkomplex, doch wie häufig bei besonders innovativen Schlagworten ist es nicht einfach, die Relevanz für den unternehmerischen Alltag nachzuvollziehen oder sich gar über Konsequenzen im Rahmen unternehmerischer Zukunftsentscheidungen klarzuwerden. Das Team des ÖPWZ hat sich daher entschlossen, dieses Themenfeld aufzugreifen, und drei ExpertInnen, die bereits intensive praktische Erfahrung mit der Blockchain-Technologie vorweisen können, eingeladen.

Max Tertinegg ist Geschäftsführer der Grazer Forma coinfinity, die sich als Bitcoin-Broker und Serviceanbieter für Privatkunden und Unternehmer bereits einen fixen Platz auf diesem neuen Markt erobert hat. Coinfinity installiert und betreut beispielsweise Bitcoin-Automaten, die man an immer mehr Standorten in Österreich vorfindet, und bietet Consultingleistungen an.

Für Max Tertinegg steht die Blockchain-Technologie am Anfang einer Entwicklung, die „vom Internet der Information zum Internet der Werte“ führen wird. Kryptowährungen wie Bitcoin oder Ethereum sind nach wie vor Experimente, deren Ausgang offen ist, da unter anderem die Frage der Skalierbarkeit noch nicht beantwortet werden konnte; Bitcoins können beispielsweise nicht in einer unendlichen Menge erzeugt werden und der Kurs unterliegt starken Schwankungen. Doch ist künftig durchaus die Schaffung nationaler Kryptowährungen denkbar.

Die hinter Bitcoin und anderen Kryptowährungen stehende Technologie Blockchain wird sich aber auf jeden Fall sukzessive zu einem disruptiven Faktor entwickeln – sie ermöglicht es nämlich unter anderem, Intermediäre (wie z. B. Banken, Notare …) auszuschalten und digitalisierte Daten sicher und kopiergeschützt zu verwalten. Max Tertinegg erwähnte hier beispielhaft die Tätigkeit von Notaren, die in vielen Bereichen obsolet werden könnte. Alles, was registerartige Einträge erfordert, die Übermittlung von Daten in der Supply Chain, Vertragsdatenspeicherung, aber auch die Durchführung von Wahlen ist künftig als Einsatzbereich der Blockchain denkbar.

Mag. Andreas Freitag, Manager und Blockchain Consultant, Architekt, Enthusiast bei Ernst & Young Management Consulting GmbH, griff in seinem Vortrag das Thema Supply Chain auf. Er wies darauf hin, dass wir uns beim Thema Blockchain derzeit in einem Stadium 0.1 oder 0.2 befinden und dass es bis 1.0 noch ein wenig dauern wird. Nichtsdestotrotz haben Unternehmen wie Maersk in Zusammenarbeit mit Versicherungsunternehmen bereits das Thema Container- und Frachtversicherung mit Blockchain in Verbindung gebracht. Dazu gibt es bereits erste, vielversprechende Pilotprojekte. Wir haben es hier mit einem ganz typischen Anwendungsfeld der Blockchain zu tun, die eine hochgradige Automatisierung aller Vorgänge ermöglicht, in denen Daten produziert bzw. übermittelt werden. Sensorische Daten aus dem Kühlcontainer auf dem Schiff können zum Beispiel als Auslöser für die automatische Abrechnung von Versicherungsleistungen bei Unterbrechung der Kühlkette dienen und vieles mehr. Hier steckt sehr viel Potenzial für Kostenoptimierung und Erhöhung der Abwicklungsgeschwindigkeit, was die Erforschung von Anwendungsmöglichkeiten der Blockchain für viele Unternehmen attraktiv macht. Ein spannender Einsatzbereich ist auch der Energiehandel, auch hier gibt es bei Ernst & Young bereits erste Praxiserfahrungen mit Kunden.

Mag.a Petia Niederländer, Head Group Retail and Corporate Operations, Erste Group Bank AG, Wien, stellte in ihrem Vortrag überblicksweise dar, wo überall die Bank bereits mit der Blockchain arbeitet bzw. damit experimentiert. Dies betrifft vor allem den grenzüberschreitenden Zahlungsverkehr und die zeitoptimierte Bereitstellung von Liquidität, Stichworte Real-Time-Cross-Border-Payments und Senkung von Transaktionskosten, sowie die Finanzierung von Handelsgeschäften. Hier geht der Trend eindeutig in Richtung mehr Sicherheit, Kosteneinsparung und Schnelligkeit, was sich im Bereich Banken wohl auch in neuen bzw. verbesserten Serviceleistungen für Kunden auswirken wird.

Öffentliche Kryptowährungen wie Bitcoin spielen für die Bank derzeit keine Rolle, die Risikofaktoren sind zu groß, die Entwicklung derzeit zu unsicher. Derzeit – denn es ist natürlich nicht ausgeschlossen, dass sich in Zukunft Möglichkeiten für den Einsatz von virtuellen Zahlungsmitteln und damit auch wiederum für die Schaffung neuer Services auftun werden.

Das Fazit der überaus spannenden Veranstaltung: Blockchain ist ein relevantes Thema, mit dem sich Unternehmen vieler Branchen, besonders aber solche, die mit Lieferketten im weitesten Sinn, mit Verträgen und Kontrakten sowie mit komplexen Abläufen unter Einbeziehung von Intermediären zu tun haben, auf jeden Fall schon jetzt beschäftigen sollten. Hier liegt Potenzial für Kosteneinsparungen und Prozessoptimierung, aber auch für neue Services, die heute noch außerhalb unseres Vorstellungsvermögens liegen. Dass Banken und Versicherungen sich bereits in diesem frühen Stadium mit Blockchain-Anwendungen beschäftigen, ist jedenfalls ein klares Zukunftssignal.

Kryptowährungen haben derzeit als Zahlungsmittel für Unternehmen weniger Bedeutung, wobei es nicht ausgeschlossen ist, dass es nicht in manchen Fällen sinnvoll sein kann, Zahlungsvorgänge darüber abzuwickeln. Die derzeit hohe Volatilität z.B. von Bitcoin ist jedoch vor allem für Spekulanten spannend, die Finanzabteilung eines Unternehmens wird sie eher ins Schwitzen bringen. Dennoch: Angesichts des rasanten Tempos, mit dem die Dinge sich hier entwickeln, sollte man sich auf jeden Fall regelmäßig bei ExpertInnen mit Praxis-Know-how informieren, um den Anschluss nicht zu verpassen. Oder hätten Sie sich vor zwanzig Jahren das Internet und all die Dienste, die wir heute ganz selbstverständlich nutzen, vorstellen können?

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